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Am Köllnischen Fischmarkt, 1965, vorher¹

Am Köllnischen Fischmarkt, 1965, nachher²

Otto Nagel (1894-1967). Orte – Menschen

Katalog zur Ausstellung, herausgegeben von Rosa von der Schulenburg im Auftrag der Akademie der Künste, 56 Seiten, 36 Farb-Abb., Berlin 2012, ISBN 978-3-88331-180-7, 9,80 Euro.

Der Katalog enthält zwei kunsthistorische Essays von Rosa von der Schulenburg und Simone Tippach-Schneider, die sich mit der Kunst Otto Nagels von der Weimarer Republik bis zu seinen letzten Lebensjahren auseinandersetzen. Die 36 zum Teil ganzseitigen Farbtafeln erinnern vor allem an den Künstler Otto Nagel. Er war eine Zeitlang von der Farbigkeit des Expressionismus beeinflusst und lies sich handwerklich vom Impressionismus inspirieren. Zu den Surrealisten, Kubisten oder Abstrakten gehörte er nie. Er begann als Autodidakt und wurde konsequenter Fortsetzer der realistischen Überlieferungen von Menzel, Liebermann und Kollwitz. Als Maler, Kunstkritiker, Kunstvermittler, Kunstlehrer, Publizist und Politiker war er immer ein Vertreter des proletarischen Humanismus.

Für die Platte kein Pastell

Auszug aus dem Aufsatz von Simone Tippach-Schneider: „In seinem Pastell Am Köllnischen Fischmarkt, das er dreizehn Jahre nach der Pastellserie Aufbau der Stalinallee malte, stand wieder das Baugeschehen im Mittelpunkt – Bauwagen, Teile eines Kranes und Betonplatten auf einem Tieflader lassen das vermuten. Und tatsächlich befand sich der Maler beim Errichten eines Neubaus wieder in Berlin-Mitte vor Ort. Er hatte auch die Front des hochgezogenen Plattenbaus gemalt. Doch später entfernte er dieses Motiv wieder, indem er den Bildrand an allen Seiten kürzte (1). Mit dem Wegfall des wuchtigen Gebäudes und der Enthauptung des Krans, stand nur noch eine kleine Zeile alter Häuser im Zentrum des Bildes. Der Maler schenkte den Spuren vom alten Berlin ein letztes Mal viel Raum – eigentlich zu viel Raum für eine ausgewogene Komposition. Es ging ihm dabei aber vermutlich weniger um kompositorische Fragen. Am Ende seines Lebens instrumentalisierte der erschöpfte Otto Nagel noch einmal die Kunst, zerschnitt eines seiner letzten Bilder und verweigerte damit dem Symbol Betonplatte die Leuchtkraft der Pigmente.“

(1) Ralf Forster: Otto Nagel in der Zeit 1945-1967, Aufbruch und Resignation, in: Ein neues Leben bauen wir, Otto Nagel und sein Raum, Galerie OM, Berlin 1994

Bildnachweis:
¹ Otto Nagel, 1894-1967, Gemälde, Pastelle, Zeichnungen, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Akademie der Künste der DDR, Berlin 1984, S. 153
² Otto Nagel (1894-1967). Orte – Menschen, Rosa von der Schulenburg (Hg.) im Auftrag der Akademie der Künste, Berlin 2012, S. 53

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