Berlin, 
02.11.2012 - 31.01.2013

Ellen Fuhr - Kopf oder Zahl

Die Galerie der Berliner Graphikpresse  zeigt unter dem Titel „Kopf oder Zahl“ von Ellen Fuhr neue Arbeiten auf Papier. Einführende Worte spricht Frau Dr. Simone Tippach-Schneider, es musiziert Jakob Lehmann (Violine).

„Kopf oder Zahl“ ist ein Glücksspiel oder genauer ausgedrückt ist es ein Zufallsexperiment, denn jede der beiden Möglichkeiten hat die gleiche Wahrscheinlichkeit, egal wie oft die Münze bereits geworfen wurde und was dabei herauskam.  Als die Künstlerin Ellen Fuhr für ihrer Ausstellung in der Berliner Grafikpresse den Titel „Kopf oder Zahl“ fand, hatte sie vor allem unseren Umgang mit dem zufälligen Ereignis im Blick.

Was ist auf den Bildern der Ausstellung zu sehen? Signifikante Sequenzen der Berliner Großstadt, ihre Bahnhöfe, Brücken, Brandmauern, Treppen, Uhren, Straßenschluchten, alles moderne  Landschaften, die mit dem Ineinander und Nebeneinander gegenständlicher Formen ein Gefühl der Beschleunigung erzeugen, und in denen gleichzeitig - wie bei einem Stillleben - einzelne Allegorien bewusste oder unbewusste Gedanken miteinander verknüpfen.

Ellen Fuhr entwickelt ihre Arbeiten in einer Mischtechnik, bei der sie mit Flächen und Linien das Bild oft über Monate aufbaut, teilweise überarbeitet, ganz übermalt und es so Schicht um Schicht immer mehr verdichtet. Dabei geht es auch um Bewahren und Verwerfen, also um vielfältige Entscheidungen während des Malprozesses. „Kopf oder Zahl“, das bedeutet auch, dass sich im Prozess des Entstehens immer die scheinbare Leichtigkeit und Spontanität als auch die ständige Skepsis gegenüber der eigenen Arbeit wiederfinden. Unverkennbar bleibt, dass Ellen Fuhrs künstlerischer Schwerpunkt im Grafischen liegt. Sie legt viel Wert auf die Verwendung von Linien und ihre Farben stellen das Zusätzliche dar.

Anfang der 80er Jahre hat Ellen Fuhr Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden beim Meister der Zeichenkunst Gerhard Kettner studiert und war bis 1989 bei ihm auch Meisterschülerin an der Akademie der Künste. Seine Grafiken, schwarz auf weiß, sein Ansatz zu einer aufgerissen-großzügigen Liniensprache, sein behutsames wie rigoroses, so reduzierendes wie allessagendes Vorgehen haben bis heute Ellen Fuhrs künstlerisches Arbeiten geprägt.

Die städtischen Kunstkontexte Berlins hat Ellen Fuhr nun gut dreißig Jahre mitgeprägt, und ihre Kunst ist beeinflusst von Berlin. Ihr Interesse am urbanen Raum ist nicht neu, sondern liegt in der Tradition der Berliner Bilder vor 1989 begründet, zielt  aber ebenso auf  die Reflektion urbaner Veränderungen im Zeitraum von 1989 bis 2013. Das stark komprimierte Konzept einer Hochhaus-City des 21. Jahrhunderts suchen wir aber bei ihr vergebens, stattdessen das Überzeichnete, bei dem Vergangenes immer spürbar bleibt. Ellen Fuhr transportiert  mit ihren Stadtlandschaften, aber auch mit ihren Porträts die Moderne der 20er Jahre in unser heutiges Denken und Fühlen. In ihren Bildern lässt sich das Verhältnis zwischen dem gelebtem Raum und dem konzipierten, also dem gedachte Raum nachspüren. Damit prägen die Bilder dieser Ausstellung auch unser Sehen und Erleben von Stadtbildern. Unser Horizont wird erweitert und wir können Berlin nicht nur anders, sondern neu sehen: also den Mythos Berlin und die eigene Stadt mit neuen Augen sehen.

Zu dieser Wahrnehmung tragen auch die typischen Sinnbilder in ihren Werken bei. Immer wieder tauchen Würfel, Spielkarten, Joker, Seifenblasen oder halbvolle Trinkpokale auf. Sie stehen einerseits für die Banalität des Alltags, sie stehen andererseits auch für eine symbolische Überhöhung. Doch inwieweit erschließen sie sich auch dem Betrachter? Spätestens seit der Moderne sind die ikonografischen Traditionen in der Kunst in ihren Grundfesten erschüttert. Sie wurden zwar nicht ausgelöscht, aber an die Stelle eingeschliffener Darstellungskonventionen trat die subjektive künstlerische Entscheidung, so wie in Ellen Fuhrs Arbeiten.

Ihr Motiv ist Berlin, ihr Thema aber ist der Zufall, oder wie John Lennon sagte: Leben ist was passiert, während man andere Pläne hat… „Kopf oder Zahl“, das Ergebnis lässt sich in bestimmten Situationen nicht voraussagen, sosehr der Mensch auch die Wahrscheinlichkeit errechnen möchte, der Zufall hat kein Gedächtnis. Das hat auch was Gutes in unserer mit Plänen voll bepackten Welt: Neues Spiel – neues Glück.

Galerie der Berliner Graphikpresse
Gabelsbergerstraße 6
10247 Berlin-Friedrichshain
Telefon/Fax: 030 / 42012440

Öffnungszeiten
Mo-Di geschlossen
Mi-Fr 13-19 Uhr
Sa 11-15 Uhr


Treppen Gesundbrunnen, Mischtechnik, 2011

Schönhauser Allee, Mischtechnik, 2012